15.08.2012
Weg mit dem Rechenschieber!
Namensartikel von Steffen Kampeter und Armin Laschet in der FAZ
Die
Debatte über Europa braucht eine Renaissance des Politischen. Sie darf
nicht ökonomischen Materialisten überlassen werden. Die Geschichte
Europas nach dem Zweiten Weltkrieg war eine Erfolgsgeschichte, weil die
politische Idee von Frieden und Freiheit, Solidarität und Gerechtigkeit
der Maßstab für die politisch Handelnden war - und nicht der
Rechenschieber.
Dabei diente die ökonomische Verflechtung der
Industrien von Kohle und Stahl ehemals verfeindeter Staaten dem Ziel,
nicht mehr nationalstaatlich, sondern gemeinschaftlich zu entscheiden.
Die politisch motivierte Methodik wurde zur ökonomischen
Erfolgsgeschichte in der EWG und später im Binnenmarkt. Der politische
Wille zur europäischen Integration von Adenauer, Kohl, Strauß, Waigel
und Genscher hat Deutschland in der EU Wohlstand in Freiheit ermöglicht,
seit 1950 im Westen, seit 1989 auch für Mittel- und Osteuropa. Leitbild
war und ist die Soziale Marktwirtschaft.
Im Gegensatz zu 1950
müssen heute 500 Millionen Europäer ihr Gesellschaftsmodell in einer
Welt mit sieben Milliarden Menschen zukunfts- und wettbewerbsfähig
halten. Ausgerechnet in einer solch weltgeschichtlich und demographisch
herausfordernden Situation wird Europa von manchen auf eine ökonomische
Nutzen-Kosten-Analyse reduziert, als ginge es um die Anschaffung eines
Gebrauchtwagens. Rein innenpolitisch motivierte und aggressiv intonierte
Rhetorik im Süden Europas und im Süden Deutschlands ist schädlich.
Richtig ist, dass die europäische Integration von Wirtschaft und Währung
eine beispiellose Konvergenz eben nicht nur in ökonomischer Hinsicht
ermöglicht hat.
Die EU baut ihre Gemeinsame Außen- und
Sicherheitspolitik Schritt für Schritt auf, sie bekämpft zunehmend
gemeinsam grenzüberschreitende Kriminalität und Terrorismus und schützt
die Bürger. Vor allem ist die EU eine Wertegemeinschaft, die sich der
Demokratie, der Rechtsstaatlichkeit, der Freiheit und den
Menschenrechten verpflichtet fühlt.
Binnenmarkt und Euro geben
unseren Volkswirtschaften gegenüber immer mehr Wettbewerbern in
dynamischen Regionen ein stärkeres Gewicht. Global ist der Euro ein
erfolgreicher Wettbewerber des Dollar. Insofern ist die europäische
Integration auch eine kluge Wahrnehmung nationaler Interessen. Die
Renationalisierung von Antworten auf globale Herausforderungen hingegen
ist wirkungslos. Angesichts der Veränderungen des globalen Kräftegefüges
können die europäischen Völker nur noch gemeinsam ihre Interessen
durchsetzen.
Ein Auseinanderbrechen der Währungsunion hätte
schwerwiegende und in ihrem Ausmaß unkalkulierbare wirtschaftliche
Folgen. Das ist unbestritten. Die politischen Folgen indes wären
wesentlich gravierender, werden in der deutschen Debatte jedoch
verdrängt. Wollen wir wirklich als Deutsche mit dumpfen Sprüchen das
Nato-Mitglied Griechenland aus dem Euro drängen? Wollen wir angesichts
des Bürgerkriegs in Syrien, den Instabilitäten in der arabischen Welt,
dem wachsenden Einfluss der Türkei, der milliardenschweren Einflussnahme
Russlands in Südosteuropa schlicht und tumb behaupten, ein Austritt
Griechenlands habe seinen Schrecken verloren? Glauben manche wirklich,
ein Scheitern des Euro würde nicht alle Bereiche Europas schwächen?
Glaubt wirklich jemand, Deutschland könne die gewaltige Wucht der
Weltfinanzkrise allein stemmen?
Die europäische Integration ist
ein ökonomisches und vor allem politisches Projekt, das weitere
Schritte, auch institutionelle, unabdingbar macht. Wir brauchen jetzt
eine Stabilitätsunion, getragen von Solidität und Solidarität. Wer
stattdessen die Vergemeinschaftung der bestehenden Schulden fordert und
damit die notwendige Einheit von Handeln und Haftung fahrlässig aufgibt,
zeigt europapolitische Orientierungslosigkeit. Nur wenn Solidität
garantiert ist, kann Solidarität Wirkung zeigen. Dies bedeutet
Fiskaldisziplin, eine auf Wettbewerbsfähigkeit ausgerichtete
Wirtschaftspolitik, präventives und stabilitätsorientiertes Eingreifen
europäischer Institutionen, das wirkungsvolle Sanktionen einschließt.
Ohne Souveränitätsübertragung ist dies nicht zu leisten.
Ein deutscher Patriot ist deshalb heute ein leidenschaftlicher Europäer.
Armin Laschet ist Landesvorsitzender der CDU Nordrhein-Westfalen, Steffen Kampeter ist stellvertretender Landesvorsitzender.